Glashandgranaten - Die Nachfertigung

 (Esterhazy)

Grünliches "Waldglas" war billiger und robuster als feines venitianisches Glas.

Glashandgranaten Nachfertigung
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Die Ursprünge der Glasherstellung sind unbekannt, datierbare Funde reichen bis viertausend Jahre zurück. Rohmaterialien sind Quarzsand, Pottasche (Kaliumkarbonat) und Kalk. Die ersten Gläser wurden vermutlich im Zweistromland hergestellt, das Wissen gelangte über die Römer, Byzantiner und Araber nach Europa. Im Mittelalter gelang es Venedig, die Glasmacherei in Europa lange Zeit zu monopolisieren. Erst seit dem 14. Jahrhundert gibt es auch Fertigungsstätten nördlich der Alpen, wobei im Gebiet des Heiligen Römischen Reiches eine Spezialisierung auf Hohlgläser festzustellen ist44. Die eifersüchtig gehütete Spezialität Venedigs war farbloses Glas, für das man Natronasche aus den Strandpflanzen an der Adria und Mangan und Arsenik als Entfärbungsmittel verwendete. Die Ausfuhr dieser Rohmaterialien sowie von venezianischem Bruchglas wurde strikt untersagt und unterbunden.


Das technologisch rückständigere „Waldglas“ der nördlichen Glashütten war wegen der Verwendung des in der Verbrennungsasche enthaltenen Kaliumoxids als Flussmittel ein Kali-Glas. Es hatte einen Grundton von grünlicher Farbe, war erheblich billiger45 und härter als Natronglas, damit auch ein sehr geeigneter Rohstoff für Handgranaten. Glashütten wurden vorzugsweise in abgelegenen Waldgebieten gebaut. Hier war ausreichend Holz zur Ascheerzeugung und als Heizmaterial verfügbar, weil es sich nicht lohnte, es für andere Verwendungen abzutransportieren. Fließendes Wasser war zum Betrieb der Pochwerke nötig, die Quarzsand und Fritte zu Pulver stampfen mussten. Neben Quarzsand sollten auch Kalk und weißer Hafenton als Zuschlag bzw. zum Anfertigen der Glashäfen in der Nähe vorhanden sein. Es ist anzunehmen, dass man einfach die Verbrennungsasche mit ihren vielen Verunreinigungen verwendete und auf die aufwendige Herstellung reiner Pottasche verzichtet hat. Diese Holzasche enthielt einen Teil des für ein brauchbares Glas nötigen Kalkes. Die Schwerpunkte der Glashüttenindustrie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lagen in den waldreichen Randgebieten Böhmens, Bayerns, Österreichs und Schwabens, weil Kaiser Karl IV. hier die ersten Glasmacher aus Venedig angesiedelt hatte. Von dort breiteten sie sich auch in die waldreichen Gebiete Ungarns und der Slowakei aus. Die Produktionsstätten der Forchtensteiner Handgranaten werden wohl hier zu suchen sein.

Das Verfahren zur Glasherstellung war seit alters her zweigeteilt. Zuerst wurden ein Teil Quarzsand und zwei Gewichtsteile Kaliumkarbonat (Pottasche K2CO3) im Fritteofen in ca. 24 Stunden auf etwa 750 Grad erhitzt. Dabei kam es zu keiner Schmelze, die Teilchen sinterten nur aneinander. Die so entstandene „Fritte“ wurde in einer Stampfe pulverisiert und im Glasofen portionsweise auf die Schmelztemperatur von etwa 1100 Grad erhitzt. Enthält der verwendete Quarzsand Eisenoxid, so genügen bereits geringe Mengen von etwa 1 Promille, um dem Glas eine grüne oder bräunliche Färbung zu geben.

Die verwendeten Glasöfen sind bei Biringuccio und Agricola abgebildet und hatten eine bienenkorbähnliche Form, geteilt in drei Stockwerke: unten die Feuerung, darüber der eigentliche Schmelzraum und ganz oben ein Raum zum langsamen Kühlen („Tempern“) fertiger Glaswaren, um die Spannungen im Glas abzubauen. Die Öffnungen dieses Raumes konnten über Nacht gegen den Schmelzraum verschlossen werden.

Untersuchungen zur Nachfertigung der Glashandgranaten

Die Untersuchungen konzentrierten sich zuerst auf das Material und die Herstellungsmethode der Forchtensteiner Glashandgranaten. Um die wertvollen Museumsstücke zu schonen, wurde dafür eine Anzahl der vorhandenen Scherben und kleinen Bruchstücke verwendet. Es stellte sich bald heraus, dass diese Bruchstücke für die Untersuchungen äußerst wertvoll und auch für die Entschlüsselung des Herstellungsverfahrens unverzichtbar waren.

Die Farbe

Bei den Forchtensteiner Glashandgranaten handelt es sich um „Waldglas“. Ist das für die Glasherstellung eingebrachte Gemenge mit geringen Mengen an Eisen verunreinigt, das ist bei Quarzsand meist die Regel, so ergibt ein oxydierender Brand eine gelbliche Färbung durch dreiwertiges Eisen. Bei reduzierendem Brand entsteht eine bläuliche Färbung (zweiwertiges Eisen). Die grüne Waldglas-Farbe ist eine Mischung dieser beiden Farbtöne, weil die Atmosphäre im Schmelzofen entweder zwischen den beiden Extremen schwanken oder im neutralen Bereich liegen kann46. Die Glashandgranaten im Zeughaus von Forchtenstein zeigen unterschiedliche Grüntöne (Abb. 11), einige Stücke haben eine bräunliche oder gelbliche Färbung. Eine kräftig blau gefärbte Granate bestand eindeutig aus Kobaltglas.

 Handgranaten Zeughaus Forchtenstein Versuch

Abb. 11: Der Forchtensteiner Lagerbestand an  Glashandgranaten zeigt Glasfarben, die von Grün über Brauntone bis Weißlich-Gelb und Blau reichen. (Foto: Felberbauer).

 

Quellen

44 Ludwig: Propyläen Technikgeschichte, Bd. 2., S. 466.
45 Der Wiener Rat beschränkte schon 1354 in einer Verordnung die Glasverkaufsplätze in
der Stadt. Es heißt darin: „Aber waltglas mag jeder vail haben und verchaufen, wo er will“.
(Ludwig: Technikgeschichte, Bd.2, S. 408).
46 Die Information über die Farbe von Waldglas wurde von Dr. Margareta Benz-Zauner, der
Leiterin der Glasabteilung des Deutschen Museums in München, vermittelt.

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