Melinda Esterházy

Das Leben der letzten Fürstin Esterházy - Von der Primaballerina Melinda Ottrubay zur Fürstin und Stifterin.

Melinda Esterhzy

Melinda Ottrubay kam am 24. Mai 1920 als Tochter von Dr. Dezsö Ottrubay und dessen Gattin Rosa, geborene von Schmidt, in Budapest zur Welt. Rosa Ottrubay legte bei der Erziehung nicht nur Wert auf einen verantwortungsvollen Charakter, sondern ebenfalls auf ein ansprechendes und elegantes Erscheinungsbild. Als die ansonsten so grazile Melinda mit acht Jahren etwas zuzunehmen begann, meldete ihre Mutter sie in einem Kinderkurs für rhythmische Bewegung an. Am Ende des Kurses wurde empfohlen, Melinda aufgrund ihres auffallenden Talents und des bemerkenswerten rhythmischen Gefühls Ballettunterricht erteilen zu lassen.

Melinda besuchte daraufhin die Tanzakademie von Rezső Brada, des ersten Solotänzers am Königlich-Ungarischen Opernhaus, wurde als Elevin am Königlich-Ungarischen Opernhaus aufgenommen und unterzeichnete 1934 ihren ersten Dienstvertrag. Mit Disziplin und Leidenschaft perfektionierte sie ihre Technik, stieg zur gefeierten Ballerina auf und trat in zahlreichen Städten wie Wien, München oder Bayreuth mit dem Ensemble des Königlich-Ungarischen Opernhauses auf. Durch einen Privatlehrer der sie zu Hause unterrichtete war es ihr möglich auch weiterhin an den zeitintensiven Proben an der Oper teilzunehmen. Auch in ihrer Freizeit widmete sie sich dem Thema Tanz. 1939 erschien ihr Buch „Rhythmus und Tanz“ wo sie über den Begriff Rhythmus philosophierte, eine weitere geplante Publikation über Aphorismen zum selben Thema wurde nicht realisiert.

Im selben Jahr spielte sie im, nur noch fragmentarisch erhaltenen, Film »Magyar Feltámadás« (Ungarische Auferstehung) die Hauptrolle und in »Pénz áll a házhoz« (Geld kommt ins Haus) eine Nebenrolle. Der größte Ansporn für Melinda im täglichen harten Training war die merkliche Verbesserung ihrer Technik, die ihr nicht nur Selbstsicherheit auf der Bühne gab, sondern sie auch die innere Stärke und Gelassenheit finden ließ, um die heimlichen Intrigen der Kollegen zu bewältigen. Melinda genoss den Ruhm um ihre Person. Ihre Leidenschaft war der Tanz, um den sich ihr gesamtes Leben drehte. Sie liebte die herausfordernden Auftritte in der Oper, die auf sie gerichteten Scheinwerfer und den tosenden, nicht enden wollenden Applaus. Auch wenn sie sich lieber in die Abgeschiedenheit des Elternhauses zurück zog besuchte sie das Theater oder Konzerte und wurde zu festlichen Veranstaltungen eingeladen. Während einer glanzvollen Soirée bei Erzherzogin Auguste in deren Palais am Burgberg in Budapest werden Melinda Ottrubay und Fürst Paul V. Esterházy einander offiziell vorgestellt.


Die Zeit des Kennenlernens und der langsamen Annäherung von Melinda Ottrubay und Fürst Paul V. Esterházy fiel in die Zeit des beruflichen Aufstieges der Künstlerin zur Primaballerina Assoluta des Budapester Opernhauses. Die Eltern standen dieser zögerlichen Annäherung der beiden zunächst skeptisch gegenüber da sich die Ottrubays über die wahren Absichten des Fürsten nicht im Klaren waren. Fürst Paul warb still um Melinda – was der ahnungslosen jungen Frau lange Zeit nicht bewusst war, der Kontakt riss immer wieder ab. Im Dezember 1944 bot Paul der Familie Ottrubay während den Angriffen auf Budapest den Schutz der weitläufigen, sicheren Keller unter seinem Palais am Burgberg in Buda an. Die Belagerung Budapests dauert mehrere Wochen, Anfang Februar 1945 kehrten Melinda, ihre Mutter und ihr Bruder József aus dem Palais nach Hause zurück, bald danach wurden die Aufführungen an der zuvor für mehrere Monate geschlossenen Oper wieder aufgenommen. Den Zenit ihres Ruhmes erreichte Melinda Anfang August 1945, als sie zur Primaballerina Assoluta ernannt wird. Paul schickte nach einer Vorstellung Blumen und bat die neue Primaballerina Assoluta, sie in ihrem Haus besuchen zu dürfen. Als sich ihre Eltern zurückzogen und die beiden alleine im Salon Platz nahmen, fragte Paul endlich, ob Melinda sich nicht vorstellen könne, seine Frau zu werden. Die heimliche Verlobung fand im Februar 1946 statt, die Hochzeit folgte im August desselben Jahres im engsten Familienkreis in der Kirche Regnum Marianum in Budapest.

Nach einer kurzen Zeit des Glücks wurde Fürst Paul im Dezember 1948 zunächst ohne Angaben von Gründen aus der gemeinsamen Wohnung abgeführt und in Untersuchungshaft genommen. In einem Schauprozess, bei dem man auch Kardinal Mindszenty anklagte, wurde Fürst Paul illegaler Devisenbesitz vorgeworfen, das Gericht verurteilte ihn zu einer fünfzehnjährigen Zuchthausstrafe und die Konfiszierung seines Vermögens in Ungarn. Fürstin Melinda durfte ihren Gatten fortan ein Mal im Monat im Hochsicherheitsgefängnis besuchten, nebenbei absolvierte sie Kurse für Stenografie und Schreibmaschine. Diese Jahre waren nicht nur für Fürst Paul V. Esterházy, sondern auch für Fürstin Melinda eine Zeit der härtesten körperlichen und seelischen Strapazen die das Ehepaar noch enger miteinander verband. Durch die ständige Anspannung verschlechterte sich jedoch der gesundheitliche Zustand von Fürstin Melinda, die im Sommer 1951 zur Beobachtung in eine Klinik eingeliefert wurde, welche sie erst mehr als zwei Jahre später wieder verlassen konnte. Bereits im Oktober 1956 entließ man Fürst Paul auf Grund eines Volksaufstandes frühzeitig aus dem Gefängnis. Fürstin Melinda und ihr Gatte flohen wenige Tage darauf zunächst aus Budapest nach Wien und anschließend in die Schweiz. In Zürich wurde ein neuer Lebensmittelpunkt geschaffen, das Fürstenpaar begann von hier aus sofort die Domäne im Burgenland zu verwalten. Auch wenn sich Fürstin Melinda bei der Verwaltung der Güter im Hintergrund hielt, trug ihre Meinung wesentlich zur Entscheidungsfindung ihres Gatten bei.


Nach dem Tod von Fürst Paul V. Esterházy im Mai 1989 wurde Fürstin Melinda zur Universalerbin und versuchte die Geschäfte im Sinne ihres verstorbenen Ehemannes fortzuführen. Als Berater stand ihr unter anderem ihr Bruder Prof. József Ottrubay zur Seite.  
Mit Weitblick versuchte sie den Besitz in Stiftungen einzubringen und so das Kulturgut in eine neue, moderne Zeit zu retten. Zunächst gründete sie in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts drei Stiftungen (1994: »Fürst Esterházy’sche Privatstiftung Burg Forchtenstein«, 1995: »Fürst Esterházy’sche Privatstiftung Lockenhaus« und 1996: »Fürst Esterházy’sche Privatstiftung Eisenstadt«), die 2001 von der „Esterházy Betriebe GmbH“ abgelöst wurden. Die Fürstin investierte bewusst in die langfristige Bewahrung des einzigartigen Kulturgutes da sie die Meinung vertrat, man habe nicht nur die Aufgabe, verborgene Kostbarkeiten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sondern diese auch für die nachfolgenden Generationen langfristig zu erhalten. Daher ermöglichte sie nicht nur die beiden Landesausstellungen auf Burg Forchtenstein und im Schloss Eisenstadt, sondern setzte sich auch besonders für die Restitution der durch die sowjetischen Truppen 1945 nach Moskau verbrachten Bücher der „Bibliotheca Esterházyana“ ein. Für Fürstin Melinda war die Rückgabe der 334 Bände im Jahr 2003 in doppelter Hinsicht von Bedeutung, denn es war ihr erster Besuch in ihrer Heimat seit der Flucht aus Ungarn im November 1956, also nach beinahe 47 Jahren. Fortan führten sie ihre Wege immer wieder nach Budapest, zuletzt im Februar 2007 zu der im Kunstgewerbemuseum präsentierten Ausstellung »Die Esterházy-Schatzkammer. Kunstwerke aus fünf Jahrhunderten«.


Zahlreiche Institutionen wie die burgenländischen Feuerwehren, Kindergärten und Altersheime erhielten die Unterstützung von Fürstin Melinda, aber auch Anliegen zahlreicher Gemeinden stießen bei ihr auf ein offenes Ohr. Besonders aber lag ihr die Förderung der Kinder- und Jugenderziehung am Herzen. Für die Pflege der musikalischen Tradition des Landes unterstützte sie vor allem die Gemeinde Raiding bezüglich der Förderung des Franz-Liszt-Erbes. Dieser Einsatz im Burgenland wurde durch zahlreiche Ehrenbürgerschaften und Auszeichnungen wie das „Großkreuz des heiligen Papstes Silvester“, das „Ehrenzeichen vom heiligen Martinus in Gold“ oder der Titel einer „Ehrensenatorin“ der Universität für Bodenkultur in Wien, honoriert.

Fürstin Melinda zog sich 2002 auf eigenen Wunsch aus der Öffentlichkeit zurück und lebte zurückgezogen in Eisenstadt. In der Nacht zum 28. August 2014 ist sie im 95. Lebensjahr friedlich im Kreis ihrer Familie entschlafen.