Schlüsse aus den Sprengversuchen

 (Esterhazy)

Die Splittermenge von Glashandgranaten aus der frühen Neuzeit gleicht jenen der modernsten neuen Typen aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts.

Schluesse Sprengversuchen
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Die Sprengversuche haben ergeben, dass es möglich ist, durch eine entsprechende Länge und Dicke der Brandröhre den nötigen Innendruck für eine wirkungsvolle Zerlegung einer Glashandgranate zu erzielen. Die Glätte der Glaswand dürfte selbst bei einem Einkleben einer zu kurzen Brandröhre mit pechartigen Substanzen nicht genügend Ausziehwiderstand bieten, um die Bruchfestigkeit der Glasgranate zu überwinden. Der Schlüssel lag in der Angabe Flemings, dass die Brandröhre zu 2/3 in den Innenraum einer Granate reichen muss. Der Ausziehwiderstand einer derartigen langen Brandröhre ist wohl nicht nennenswert höher, es dürfte an der inneren Druckverteilung liegen, dass die Granate zerlegt wird, bevor die Brandröhre aus ihrer Öffnung geschleudert wird. Glas- oder Tonhandgranaten lassen schon mit Rücksicht auf ihre Festigkeit mit Sicherheit kein wirksames Verkeilen der Brandröhre zu. Die Brandröhre musste aus festem Holz, „das man nicht leichtlich spaltet“ gedrechselt werden, wurde dann der Länge nach mit Bindfäden oder Leinwand umwickelt, um vorzeitiges Zerspringen „hintan zu halten“69.

Mechanische Befestigungsmethoden, wie beispielsweise ein Gewinde an der Zündöffnung, sind bei den Granaten in Forchtenstein nicht festzustellen. Der Zerlegungsmechanismus muss daher auf eine innenballistische Komponente zurückgeführt werden, die den  erdämmungsgrad ohne höheren Ausziehwiderstand verbessert. Hier bietet sich nur die Ladedichte an. Die Ladedichte ist definitionsgemäß die auf die Raumeinheit des Verbrennungsraumes entfallende Pulvermenge, ausgedrückt in Kilogramm/Kubikdezimeter (kg/dm³) oder Kilogramm/Liter (kg/l).

Das Innenvolumen der Glashandgranaten beträgt im arithmetischen Mittel 0,185 dm³, bei einer Füllmenge von 0,06 kg Schwarzpulver ergibt sich eine Ladedichte von 0,32 kg/dm³. Dieser Wert war offensichtlich nicht ausreichend, die Glashandgranate in brauchbare Splitter zu zerlegen, weil immer zuerst der Styrodur-Verschlussstopfen herausgeschleudert wurde, bevor sich die Granate auf kleinem Raum zerlegte.

Das Einsetzen einer etwa 24 mm dicken Brandröhre, welche ca. 65 mm in den Innenraum reichte, verringert das Innenvolumen um 0,029 dm³ auf 0,156 dm³. Die Ladedichte steigt auf 0,38 kg/dm³, ein Wert, der offensichtlich genügend Druck aufbaute, um die Granate in zweitausend kleine bis winzige Splitter mit einem Mittelwert von 4 Gramm zu zerlegen. Der überwiegende Teil der Splitter traf auf die Wände des Splittergartens und blieb dort stecken. Im Bodenbereich des Splittergartens lagen etwa 80 Sprengstücke, wobei es sicherlich nicht möglich war, alle winzigen Splitter zu finden. Wurde mit der zusätzlichen Auflage eines Gewichtes gesprengt und damit das Ausblasen der Brandröhre verzögert und höherer Druck aufgebaut, so zerlegte sich die Granate in über 4000 Splitter von ca. 0,16 Gramm Masse. Dieser Versuch wurde mit nahezu gleichem Ergebnis wiederholt, allerdings war es durch die begrenzte Benützungszeit des Sprengplatzes nicht mehr möglich, die Splitter einzeln zu zählen. Die Einschläge wurden durch Fotos dokumentiert. Die Verfahrensweise ist als reproduzierbar einzustufen. Diese Splittermengen wären nicht nur in der dicht gepackten Masse damaliger Infanterieformationen oder der Stürmer in einer Bresche von beträchtlicher Wirkung gewesen. Sie sind als spezifisch für Glashandgranaten zu werten. Tonhandgranaten erzeugen auch bei Verwendung einer langen Brandröhre nur einen Bruchteil dieser Splittermengen. (Darüber erfolgt ein eigener Bericht). Gusseisengranaten haben in zwei Weltkriegen selbst mit Sprengstoffen von mehr als der zehnfachen Detonationsgeschwindigkeit ebenfalls nie diese Splitterzahlen erreicht, sonst wären die heutigen komplizierten Konstruktionen mit Tausenden von vorgefertigten Splittern nicht nötig gewesen.

Wie die heute verfügbaren Handgranaten zeigen, gibt es keine einheitliche Auffassung über die „optimale“ Größe, Splitterzahl und Masse. Die Splitterzahl reicht von ca. 1150 Splittern (amerikanische, bzw. englische M26/L2, über 2000, 3000 bis 4000 (Schweizer HG85, jugoslawische M75, österreichische HGr84) bis zu den 6500 der deutschen DM51. Die Massen der Handgranaten umfassen 200 bis 600 Gramm. Die im Sprengversuch ermittelte Splittermenge von Glashandgranaten aus der frühen Neuzeit gleicht jenen der modernsten neuen Typen aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, obwohl durch das Schwarzpulver erhebliche Abstriche an der Durchschlagsleistung vorzunehmen sind. Nimmt man die durchschnittliche Fläche eines Menschen mit ca. 0,4 m² an, so würde er mit einer Glashandgranate des Forchtensteiner Musters nach den Versuchsergebnissen

  • in 1,5 m Entfernung ca. 150,
  • in 2,5 m ca. 80,
  • in 3,5 m ca. 30 und
  • in 4,5 m ca. 5 Treffer erhalten.

Die geringere Geschwindigkeit der Glasfragmente wird dadurch etwas kompensiert, dass sie ein breiteres Spektrum an Masse vermutlich zwischen 3-5 g bis zu 0,05 g und kleiner umfassen. Die neuere Wundballistik nimmt an, dass Vielfachtreffer auch geringerer Energie ebenso „a good chance of causing incapacitation“ haben, wie eine einzige ernsthafte Verletzung.70 Ihre Kapazität zu schweren Verwundungen war offenbar wohlbekannt, obwohl eine zeitgenössische Angabe der Splitterzahl bisher nicht zu finden ist. Scheiger schreibt: Glashandgranaten „verwunden durch ihre zahlreichen scharfen Splitter fürchterlich und werden nur gegen die Türken für rechtlich anwendbar gehalten“.71

Der Regiments-Wundarzt in Brandenburgischen Diensten Matthaeus Gottfried Purman berichtet von den „besonders schweren Verletzungen durch gläserne Handgranaten“, die er im Pommerschen Krieg bei der Belagerung von Stettin (1678) beobachtete.72 Es ist bekannt, dass die Abbrandverhältnisse von Explosivstoffen sehr diffizilen Regeln folgen, wie etwa der sorgfältige Aufbau von Brennkammern von Feststoffraketen oder von Artilleriekartuschen für Hochleistungsgeschütze zeigen. Es ist nicht auszuschließen, dass die längere Brandröhre durch die Geometrie des Gasdruckes auf ihrem Platz gehalten und daher nicht durch die Zündöffnung hinausgedrückt wurde. Dies erklärt auch, warum bei Zedler und Fleming der Durchmesser des Zündloches ausdrücklich als Bruch des Handgranatendurchmessers
angegeben und die Länge der Brandröhre73 im Innenraum der Handgranate definiert wird. Ein schräges Abschneiden des unteren Endes der Brandröhre könnte eine zusätzliche wirksame Maßnahme darstellen, weil der dadurch beim Zünden entstehende seitliche Druck auf die Brandröhre ein Austreiben erschwert. Es wäre selbstverständlich auch möglich gewesen, die Ladedichte durch Vergrößerung der Pulvermenge weiter zu erhöhen. Dies war bei diesen Sprengversuchen auszuschließen, weil die begrenzte Menge an neu gefertigten Versuchsgranaten eine Erhöhung der Anzahl der Parameter nicht erlaubte. Dem frühneuzeitlichen Feuerwerker stand das natürlich frei und war möglicherweise auch die bevorzugte Methode, um die unterschiedlichen Pulverqualitäten zu berücksichtigen.

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Abb. 17: Splitter einer Glashandgranate mit in den Laderaum reichender Brandröhre und damit höherer Ladedichte. Die Granate wurde vollständig in Splitter mit durchschnittlich 3 g Masse und weniger als 1 cm³ Volumen zerlegt. Die Masse der Splitter steckte in den Splitterfangwänden. Nur der abgebildete, relativ geringe Prozentsatz des Granatkörpers konnte im Splittergarten am Boden liegend eingesammelt werden. (Foto: Felberbauer).

60 Gramm FFFFa Pulver füllten das Granateninnere etwa zu einem Drittel. Für ein schwächeres Pulver stünde damit zum ersten genügend zusätzliches Volumen für eine Erhöhung der Pulvermenge zur Verfügung. Wäre das nicht ausreichend, könnte eine Verlängerung der Brandröhre zur weiteren Erhöhung der Detonationsgeschwindigkeit herangezogen werden. Bei Dolleczek findet sich eine Zeichnung einer gusseisernen (Mörser-) Bombe (Abb. 18) mit Aufschlagzündung, deren Brandröhre bis auf den Boden reicht. Im speziellen Fall wird dieser Raum für die Auslösekugel benötigt. Eine Wahl der Brenndauer war in diesem Fall nicht möglich, die Brandröhre ist an mehreren Stellen durchbohrt. Die volle Länge der Brandröhre hat aber wegen der hohen Ladedichte sicher ein befriedigendes Zerlegen des Granatkörpers gewährleistet. Es ist bekannt, dass bei Handgranaten und Mörserbomben ohne Aufschlagzündung die Brenndauer durch Anstechen der Brandröhre mit einer Ahle eingestellt werden konnte. Die Möglichkeit einer Einstellung durch Abschneiden scheint theoretisch möglich, nach den Erfahrungen mit der Sprengung der Glashandgranaten kann diese Methode wohl ausgeschlossen werden, weil dadurch die Ladedichte und die Innengeometrie so empfindlich gestört worden wäre, dass die angestrebte Splitterbildung in Frage gestellt werden muss.

Brandröhre (Brandel) und Zündung

Grundsätzlich hat die Verwendung einer Brandröhre, also eines hölzernen Rohres, welches mit einem langsam abbrennenden Brandsatz gefüllt wurde, als Verzögerungsmechanismus den Vorteil einer größeren zeitlichen Genauigkeit beim Abbrand. Eine normale Lunte brennt ja je nach vorherrschender Luftfeuchtigkeit verschieden schnell ab, und verstärkt die ohnehin hohe Unsicherheit beim Einsatz von Handgranaten. Nach Boeckler solle „das Zünderzeug in der Röhre so lang brennen biß das man bis 15. zehlen kann“74. Die „Composition“ der Verzögerungsmasse war daher von entscheidender Bedeutung für die Handhabungssicherheit und Lagerfähigkeit.


Es gab mehrere mögliche Zünd- und Brandröhren-Formen:

  • In den älteren Quellen wird ein Stück Lunte ins Ende der Brandröhre auf den eingeschlagenen Brandsatz aufgesetzt, die der Grenadier mit seiner Lunte aus dem Luntenberger anfeuern musste.
  • Nach Unterberger und Dolleczek wird auf den Brandsatz am Ende der Holzröhre ein Büschel von Stuppinen75 (Zündfäden) aufgesetzt, die sowohl mit der Lunte des Grenadiers als auch von der Treibladung einer Granatpistole gut entzündet werden konnten und den in die Brandröhre eingeschlagenen Brandsatz (Verzögerungssatz) und dann die eigentliche Sprengladung zündeten. Die Stuppinen wurden mit einem Pflaster abgedeckt, welches erst vor Gebrauch entfernt wurde.
  • Nach Fleming wird das Ende der Brandröhre halbkugelförmig ausgehöhlt und zur leichteren Zündung mit einer Mischung aus Schwarzpulver und „Gummiwasser“ (wässrige Lösung von Gummi Arabicum) gefüllt74.
  • In den ersten englischen Handgranaten wurde einfach in den hölzernen Verschlussstopfen (ohne jeden Verzögerungssatz) eine Rille eingeschnitten, in die der Grenadier ein genügend langes Stück Lunte einschob75. Die dabei sehr unsichere Brenndauer scheint in England zur Einführung eines Aufschlagzünders geführt zu haben. Dazu wurde statt der Brandröhre ein der Länge nach durchbohrtes und bis zum Granatenboden reichendes dickeres Holzrohr eingesetzt. Von dieser Zentralbohrung im Kaliber einer Musketenkugel führten mehrere Bohrungen ins Innere der Handgranate. Man befestigte am Ende einer Lunte eine Gewehrkugel, legte die Kugel in die Holzröhre und führte die Lunte in der zentrale Bohrung hoch und durch eine Querbohrung im Holzrohr außerhalb der Handgranate nach außen. Die Handgranate konnte sofort nach dem Anzünden der Lunte geworfen werden. Beim Aufschlag zog die Kugel die brennende Lunte ins Innere und die Handgranate detonierte beim Passieren einer beliebigen Querbohrung.
  • Dolleczek (Abb. 18) ist diese Zündungsart bekannt und in seiner Geschichte der Artillerie abgebildet, im Gegensatz zu den Engländern hält er sie aber für sehr unsicher.

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Abb. 18: Aufschlagzündung nach englischem Muster.
Die Brandröhre reicht bis zum Boden des Hohlkörpers,
die Granate ist mit Pulver voll gefüllt, die Ladedichte ist hoch. (Dolleczek, Artillerie, Fig. 95. S. 186).

Leider lässt sich aus dem Bestand von Forchtenstein keinerlei Schlussfolgerung ziehen, welche Brandröhrenart vorgesehen war. Es konnten bisher weder gefüllte noch ungefüllte Brandröhren und auch keine Laboriervorschriften gefunden werden. Anzunehmen ist, dass am ehesten jene Brandröhren verwendet wurden, die Unterberger und Dolleczek beschreiben. Der Durchmesser dieser Brandröhre wird durch den vorgegeben Durchmesser des Zündloches bestimmt und damit die Ladedichte in jenem Bereich gehalten, der die effektivste Zerlegung gewährleistete. Durch die Länge der Brandröhre und die Wahl der Pulvermenge kann der Detonationsdruck sowohl an das Material der Handgranate (Gusseisen, Glas, Ton, Metall) als auch an unterschiedlich wirksames Schwarzpulver angepasst werden. Die entsprechenden Dimensionsangaben, in Form von Bruchzahlen des Handgranatendurchmessers ausgedrückt, sind als erprobte und bewährte Herstell- und Laborierangaben zu werten, die auch die Anpassung als Verteidigungs- oder Offensivhandgranaten erlaubten. Zweifellos war die fürchterliche Wirkung bekannt und der Einsatz sollte auf „Türcken, Tartaren und den Erbfeind“ beschränkt werden. Meynert76 vermeldet trocken: „Die Granaten wurden aus Eisen, Metall oder Glas gefertigt, die gläsernen aber nur gegen die Türken angewendet, in Bezug auf welche das Völkerrecht damals einen weiteren Spielraum zuliess“ .

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Abb. 19: Ausschnitt aus dem Kupferstich Nr.4 einer Serie des Holländers Romain de Hooghe (1645 – 1708) über die Belagerung von Wien 1683. Der Stich ist einem Ausfall der Belagerten zur Zerstörung der türkischen Laufgräben und Traversen vor einer Bastei gewidmet. Rechts im Vordergrund hinter den Schützen sind zwei „Grenadiers“ zu sehen, die gerade ihre Handgranaten entzünden. Eine Frau bringt in ihrer Schürze und ein älterer Mann in einem Trog zahlreiche weitere Handgranaten, die nach den Quellen aus Gusseisen, Glas oder Ton hergestellt waren. Die Grenadiere tragen keine Schusswaffen, daher auch normale Hüte und können sich voll ihrer Aufgabe widmen. De Hooghe war 1675 vom polnischen König Johann III. Sobieski für seine grafischen Darstellungen der Schlachten von Chotyn und Terebowla geadelt worden und kann als zeitgenössischer Fachmann für Kampfdarstellungen gelten.

Anmerkungen

69 Fleming: S. 66.
70 Courtney-Green: S. 62.
71 Scheiger: Andeutungen zur Geschichte des bürgerlichen Zeughauses in Wien, S. 48.
72 Billroth, Theodor: Historische Studien über die Beurteilung und Behandlung der Schusswunden vom fünfzehnten Jahrhundert bis auf die neueste Zeit, Berlin 1859. S. 26.

73 Zedler: Universal Lexikon, Band 11 GM bis GZ Spalte 565.
74 Böckler: S. 789.
75 Stuppinen oder Stopinen waren gedrehte Baumwollfäden, die in einem dünnen Brei von
Mehlpulver und Weingeist gebeizt, dann mit Mehlpulver bestreut und getrocknet werden. (in: Unterberger, Österreichische Artillerie, Wien 1807, S. 42.).
76 “Gummi arabicum” ist ein wasserlöslicher Mehrfachzucker, aus dem Pflanzensaft von Akazien
gewonnen, der u. a. als Verdickungsmittel, Papiergummierung u.s.w. verwendet wird.
77 Rogers: The Weapons of the British Soldier, London 1960, S. 80.
78 Meynert: S. 135.

 

 

 

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