Bestimmung der Splitterwirkung

 (Esterhazy)

Von 2071 Splittern blieben 1989 in den Fangwänden stecken und nur 81 im Boden. Ein größerer Splitter traf sogar ein 65 Meter entferntes Auto.

Bestimmung Splitterwirkung
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Für die Handgranaten des 20. und 21. Jahrhunderts ist bei der Abnahme eine standardisierte Wirkungsüberprüfung üblich, wobei die Anzahl der von der Granate gebildeten Splitter, die Massenverteilung dieser Splitter und die Durchschlagsleistung dieser Splitter auf definierte Entfernungen bestimmt wird. Diese Versuche finden in einem sogenannten Splittergarten statt, der aus konzentrisch um den Sprengpunkt aufgebauten, zwei Meter hohen Splitterfangwänden aus 20 mm dicken Fichtenbrettern besteht, die zur besseren Zählung der Treffer mit Packpapier bespannt werden. (Abb. 14)

 Vermessung Glasgranaten

Abb. 14: Splittergarten auf dem Schießplatz Felixdorf des Österreichischen Bundesheeres. (Foto: Felberbauer).

Die zu prüfende Granate wird in einem Meter Höhe über dem Boden im Zentrum des Splittergartens gesprengt (Abb. 15). Es lässt sich sowohl die Zahl als auch die Verteilung der Splitter und in beschränktem Maß auch die Splitterwirkung bestimmen. Ein Splitter, der das Brett durchschlägt, hat eine Energie von 79 Joule (oder mehr!), die in den STANAG67 als tödlich definiert wird. Splitter mit 12 bis 42 Joule bewirken leichte, Splitter ab 42 bis 78 Joule schwere Verwundungen beim Menschen. Sie bleiben in der Regel in den Splitterfangwänden stecken. Die Splitterdichte für eine bestimmte Entfernung errechnet sich aus der Zahl der Treffer pro m².
Für die Versuche mit den neu gefertigten historischen Handgranaten wurde der Splittergarten des Schießplatzes Felixdorf des österreichischen Bundesheeres herangezogen, der für moderne Handgranaten und Mörsermunition ausgelegt ist. Angesichts der viel geringeren Detonationsgeschwindigkeit von Schwarzpulver im Vergleich zu heute üblichen Sprengstoffen (300 bis max. 600 m/s gegenüber 7 000 – 8 000 m/s), wurden aber die Abstände der vier Splitterfangwände vom Sprengpunkt auf 1,5 m, 2,5 m, 3,5 m und 4,5 m reduziert.
Die Detonationsgeschwindigkeit von Schwarzpulver hängt wie bereits erwähnt normalerweise vom Druckaufbau (Verdämmung) ab. Unsere erste Annahme war, diese Verdämmung wäre durch den festen Sitz der Brandröhre angestrebt worden, die beim Einsetzen zurechtgeschnitzt und „mit Wercke und einem Kitte fest verluiret“ und „fein satt biß derselben Kopff aufstehet“68 hineingetrieben wurde. Gusseisenhandgranaten lassen wohl durch ein  kräftiges Eintreiben einer konischen Brandröhre in die Brandöffnung zusammen mit der Einklebung eine entsprechende Erhöhung des Ausziehwiderstandes erreichen. Bei den Glashandgranaten, als auch den in derselben Versuchsreihe untersuchten gebrannten oder nur getrockneten Tonhandgranaten durfte wie bei den historischen Vorbildern keine zu große Kraft aufgewendet werden, um den Granatkörper nicht zu zersprengen. Im gegebenen Fall hätten Versuche mit verschiedenem Einpressdruck zusätzlich die Gefahr herbeigeführt, das ohnehin zahlenmäßig geringe Versuchsmaterial zu vermindern. Eine Messung des Ausziehwiderstandes der Ersatz-Brandröhre war genau so wenig möglich wie ein zuverlässiges reproduzierbares Einkleben der Brandröhre, nach den Beschreibungen von Furttenbach und Fleming.

Es wurde anfangs der Weg gewählt, die Brandöffnung mit einem Styrodur-Pfropfen zu verschließen und diesen mit einem Gewebeband zu sichern. Das funktionierte bei den wegen ihrer größeren Anzahl beim Versuch zuerst gesprengten Tonhandgranaten einigermaßen zufriedenstellend. Bei der ersten Glashandgranate wurde der Granatkörper in völlig unbefriedigender
Weise bei geringem Detonationsknall in wenige Trümmer zerlegt. Als erste Lösung wurde versucht, den beim „Einkleben“ erhöhten Ausziehwiderstand zu simulieren, indem der Styrodur-Pfropfen in der Brandöffnung mit einem Gewicht von 1,465 kg Masse belastet wurde.

 Vermessung Glasgranaten

Abb. 15: Zur Sprengung vorbereitete Glashandgranate in einem Meter Höhe über dem Boden und im Zentrum des Splittergartens in Felixdorf. Im Inneren der Granate das Ersatzstück für die Brandröhre. Die Drähte dienen dem Anschluss der Zündpille an eine handelsübliche Zündmaschine. (Foto: Felberbauer).

Diese Anordnung ergab sehr viel bessere Splittermengen bei den Tonhandgranaten. (Darüber erfolgt ein eigener Bericht). Für die Glashandgranaten war der erzeugte Detonationsdruck beim Verschließen der Brandöffnung mit Styrodur und der gleichen Gewichtsbelastung nicht ausreichend, ergab aber immerhin die doppelte Splitterzahl. Beim Sprengvorgang wurde offensichtlich weiterhin zuerst der Verschlussstopfen samt Gewicht ausgeblasen und die Granate erst anschließend zerlegt. Alle Splitter verteilten sich auf eine kleine Fläche von etwa einem Viertel eines Quadratmeters. Bei den nächsten Versuchen wurde ein Rundholz mit dem Durchmesser der Brandöffnung als Ersatz für die Brandröhre eingesetzt, welches der Anweisung Zedlers entsprechend 2/3 des Handgranatendurchmessers lang war und ca. 65 mm in den Hohlraum ragte. Mit dieser Anordnung änderte sich das Zerlegungsverhalten völlig: Die Granate wurde in fast gleichmäßig große Sprengstücke zerlegt, von denen nahezu alle bei guter räumlicher Verteilung im Holz der Splitterfangwände stecken blieben oder diese teilweise durchschlugen. Man zählte 1989 Splitter in den Splitterfangwänden und fand nur 81 Splitter von etwa 5 bis 8 mm Größe und einer Masse von durchschnittlich 4 Gramm am Boden. Bei einer Gesamtzahl von (ca.) 2071 Splittern wären etliche von tödlicher Wirkung gewesen oder würden schwere Verwundungen hervorrufen. Zumindest ein größerer Splitter flog über die Fangwände und traf ein 65 Meter entfernt stehendes Auto!

Um an den möglichen Grenzwert heranzukommen, wurde bei zwei Versuchssprengungen zusätzlich das Einkleben der Brandröhre durch das Auflegen eines Gewichtes, wieder 1,465 kg, simuliert. Bei einer Granate konnte eine genaue Auszählung der Splitter in den Fangwänden vorgenommen werden. Die Einschläge im Packpapier ergaben 4185 Splitter, deren Durchschnittsmasse mit ca. 0,2 Gramm anzusetzen wäre. Die Splitterverteilung der zweiten war nahezu gleich, konnte aber aus Zeitmangel nur mehr als Fotodokumentation festgehalten
werden. Bei beiden Granaten konnten keine Splitter vom Boden aufgesammelt werden. Obwohl auch der Raum außerhalb des Splittergartens abgesucht wurde, muss damit gerechnet werden, dass auch ein Prozentsatz an Splittern über die Fangwände flog und nicht mehr auffindbar war.

 Vermessung Glasgranaten

Abb. 16: Splitter einer Glashandgranate mit Styrodur-Pfropfen und daher zu geringer Ladedichte. Die gesamte Masse der wenigen Granatsplitter findet sich auf einer geringen Fläche. (Foto: Felberbauer).

Tabelle 4: Zahl der Sprengstücke abhängig vom Anzündverfahren
Handgranate Nr.
Abstand Fangwände1,5 m2,5 m3,5 m4,5 mBodenSumme
G4 mit Styrodur-Pfropfen00001212
G3 mit Styrodur & Gewicht20002426
G2 mit Brandröhre908436429216822071
G6 mit Brandröhre & Gewicht17231683599153keine4158

Die hohe Splitteranzahl und die gleichmäßige Splitterverteilung der mit einem Brandröhren-Ersatzstück gesprengten Glashandgranaten war eindeutig eine Überraschung. Die Splittermenge übertraf bei Weitem die Splittermenge einer Verteidigungshandgranate aus
Gusseisen, wie sie im Ersten und Zweiten Weltkrieg gebräuchlich waren. Auch die Splittermenge der bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gebräuchlichen amerikanischen Splitterhandgranate M-26 mit einem Granatkörper aus gewickeltem vorgekerbten Stahldraht
wurde übertroffen. Die Splitterzahl entspricht jener der Schweizer Handgranate HG85 (2000 Splitter).

Die Erhöhung des Ausziehwiderstandes durch ein Gewicht ergab eine Splitterzahl, die über jener der jugoslawischen Handgranate M75 (3000 Stahlkugeln von 2-3mm Ø) liegt und nahezu in den Bereich der österreichischen Handgranate HGr 69 mit 4880 vorgefertigten Splittern kommt. Es gibt keinen Zweifel, dass diese Versuche reproduziert werden können und auch keinen Zweifel, dass eine weitere Verlängerung der Brandröhre und/oder eine Erhöhung der Pulverladung möglicherweise eine weitere Erhöhung der Splitterzahl und sicher der Splittergeschwindigkeit ergeben hätte.

 

Quellen

 

67 NATO Abkürzung für Standardisation Agreement, Vorschriften zum Zwecke gemeinsamer operationeller, administrativer und technischer Vorgangsweisen. Derzeit sind etwa1300 STANAGS von allen NATO-Staaten ratifiziert.
68 Böckler: S. 787.

 

 

 

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