Vermessung der Glasgranaten

 (Esterhazy)

Rund 9 Zentimeter im Durchmesser und etwa ein dreiviertel Kilo schwer mit konischer Zündöffnung - die Kali-Glas-Granaten.

Vermessung Glasgranaten
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Es wurden 21 willkürlich ausgewählte Stücke mit folgendem Ergebnis vermessen, gewogen und die Mittelwerte berechnet:

Tabelle 1: Messwerte der historischen Glashandgranaten
Durchmesser in cmMasse in kg
Arithmetisches Mittel9,30,78
Modus8,8kein Wert
Median9,20,75
Standardabweichung0,360,05
Variationskoeffizient3,93%6,17%

Wichtig ist dabei der Variationskoeffizient (Standardabweichung / Arith. Mittel x 100), weil zwei Verteilungen mit unterschiedlichen Einheiten miteinander verglichen werden müssen. In diesem Fall bedeutet dieses dimensionslose Streuungsmaß, dass die Streuung der Daten gemessen an der Standardabweichung beim Durchmesser 3,93%, bei der Masse aber 6,17% ausmacht. Das angewandte Herstellverfahren erlaubte also beim Durchmesser ein genaueres Einhalten der angestrebten Maße als bei der Masse.

Mehrfache Versuche, die Wandstärke kompletter Glashandgranaten mittels Röntgen-Durchleuchtung zu messen, scheiterten an den massiv auftretenden Interferenzen. Dickemessungen waren nur an den vorhandenen Bruchstücken möglich und liegen von etwa 1,2 cm in der Nähe des Brandloches und bis zu 1,5 cm am gegenüber liegenden Boden. Zedler spezifiziert bei Glas für die Wandstärke 1/7 des Handgranatendurchmesser und somit 1,3 cm. Eine absichtliche Verstärkung des Bodenteiles wie bei manchen Mörsergranaten (damals „Bomben“ genannt) scheint nicht vorzuliegen. Der gelegentlich dickere Boden dürfte durch ein Absacken der Glasmasse beim Abkühlen entstanden sein. Bei einem in auch geringerer Menge nach möglichst gleichartigen Standards hergestellten Werkstück sollten alle drei Mittelwerte (Arithmetisches Mittel, Median, Modus) numerisch gleich sein, also eine Normalverteilung vorliegen. Obschon die oft sehr raue und wellige Oberfläche der vermessenen Glashandgranaten unvermeidlich Messfehler ergibt, kann man feststellen, dass der Modus, der am häufigsten vorkommende Durchmesser, und der Median, der Zentralwert, kleiner als das arithmetische Mittel sind. Es liegt damit keine Normalverteilung, sondern eine schiefe Verteilung vor, die entweder auf Unregelmäßigkeiten im Fertigungsprozess oder auch auf die Herkunft der Glashandgranaten aus mehreren Losen oder sogar Glashütten hindeutet.

Verschiedene Schmelzen aus derselben Hütte könnten die Farbunterschiede erklären, wenn in den Glashafen unterschiedliche Gemengezusammensetzungen eingebracht worden sind. (Bei den in einer Bayrischen Glashütte 2010 nachgefertigten zehn Glashandgranaten sind alle drei Mittelwerte gleich und die Farbe ist natürlich einheitlich flaschengrün.)

Die erreichte Qualität und Massgenauigkeit der Forchtensteiner Glashandgranaten, deren  Herstellungszeitraum mangels aussagekräftiger Dokumente zwischen 1640 und 1760 anzunehmen ist, darf als herstellungsmässig durchaus beachtlich bezeichnet werden. Bei Dolleczek wird die Masse (früher Gewicht) der Granaten der österreichischen Grenadiere mit ein bis zwei Pfund (0,56 bis 1,18 kg)47, also im Mittel 1½ Pfund, angegeben. Der größte Teil der Forchtensteiner Glasgranaten liegt in dieser Größenordnung. Eine graphische Anordnung der Daten, die Streuung und auch der Variationskoeffizient zeigen, dass die Masse wesentlich stärker schwankt als der Durchmesser48. Dies ist aus dem später beschriebenen Herstellungsprozess erklärbar.

Es ist als sicher anzunehmen, dass es auch leichtere Glashandgranatentypen mit naturgemäß geringerem Durchmesser gegeben hat, sowie es auch Bomben für Mörser aus Glas gegeben haben muss. Bei der Milleniumsausstellung in Budapest 1896 stellt Fürst Paul Esterházy 22 Glashandgranaten aus dem Schlosse Forchtenstein aus49. Neben jenen mit 9,5 cm Durchmesser, die den hier untersuchten entsprechen, wird auch ein kleinerer Typ mit 6,8 cm Durchmesser angeführt. Für die gleichzeitig ausgestellte gläserne Bombe fehlen leider die Maßangaben. Die Schweizer Glashandgranaten im Nationalmuseum liegen mit etwa 8 cm in der Mitte dieser Werte, sind aber mit durchschnittlich 0,35 kg erheblich leichter50.

Die Zündöffnung (Brandloch)51

Die Brandöffnungen sind leicht konisch, daher schwer genau zu messen. Fleming bestimmtfür das Brandloch 2/9 des Handgranatendurchmessers. Dies würde bezogen auf den Mittelwertdes Durchmessers der Gusshandgranaten etwa 18 mm und für die Glashandgranaten etwa 20,5 mm ergeben. Die tatsächlichen Werte liegen bei den vermessenen Gusseisenhandgranaten bei 20 bis 28 mm, bei den Glashandgranaten zwischen 20 und 24 mm. Um die Zündöffnung der Glashandgranaten ist ein Wulst mit oder ohne kurzen Hals angeformt, dessen Durchmesser außen zwischen 4,4 und 5,5 cm schwankt. Beide Werte bewegen sich durchaus im Rahmen der Angaben Zedlers und Flemings. Die Brandröhren wurden „vom festen Holtz, das man nicht leichtlich spaltet, vom Drechsler gedreht, auch unten mit Bindfaden und leinen wohl umwunden“ und dann „mit Wercke und einem Kitte fest verluiret“. „Zum Kitte nimmt man drey Pfund Wachs, und fünff Pfund Talch, ist solches durcheienander geschmoltzen und kalt geworden,....beschmiert damit die Brandröhre“.52

Chemische Analyse

Zur Vorbereitung der chemischen Analyse wurden Teile der Glasbruchstücke in einer Mühle zerkleinert und in einer Achatreibschale fein gemahlen. Das Pulver wurde mit einem 10-fachen Überschuss an Natriumcarbonat (Soda) in einem Nickeltiegel 60 Minuten bei ca. 900-1000° C geglüht, in Wasser abgeschreckt und die Schmelze in verdünnter Salpetersäure gelöst. Dabei fällt das Siliciumdioxid (SiO2) aus und kann abfiltriert werden. Der Rest wurde bei 600° C geglüht und spektralanalytisch („induktiv coupled plasma“ (ICP) Spektralanalyse) untersucht53. Es handelt sich grundsätzlich um ein Kali – Glas mit im Mittel 72% SiO2, 14% K2O und 12% CaO.

Für diese Untersuchung waren die verbleibenden etwa 2% an Spurenelementen entscheidend. Die Ergebnisse der Spurenelementeuntersuchung lassen erkennen, dass die Proben aus drei verschiedene Schmelzen stammen müssten, weil sich beispielsweise (in ppm = parts per million) der Eisengehalt (18 805 ppm, 97 ppm und 1 700 bis 2 400 ppm) und der Mangangehalt
(216 ppm, 0,7 ppm und 1 700 bis 1 900 ppm) deutlich unterscheiden. Es kann damit eine Herkunft aus drei verschiedenen Glashütten, die mit verschiedenen Gemengezusammensetzungen gearbeitet haben, angenommen werden. Die unterschiedlichen Eisengehalte sind nebender Ofenatmosphäre für die verschiedenen grünen und bräunlichen Farbtöne verantwortlich.

 

Quellen

47 Dolleczek: Monographie, S. 17.
48
Die Masse schwankt aus den angeführten Gründen mehr als bei den Gusseisengranaten,bei denen die Wandstärke durch den Kern in der Sandform vorgegeben ist.
49
Szendrei: S. 388-389.
50
Mitteilung Frau Dr. Hebeisen, Schweizer Nationalmuseum. Drei vermessene Glashandgranaten
hatten folgende Abmessungen und Massen: 1. D = 8cm, M = 0,349 kg; 2. D = 7,2 cm, M = 0,3 kg, 3. D = 7,9 cm, M = 0,39 kg.
51
Der Sachse Furttenberg verwendet auch den Ausdruck „Waidloch“ aus der Jägersprache.
52
Fleming: S. 66.
53 Die Analysen wurden von Dipl. Ing. C. Heinisch im Chemischen Labor des österreichischen Bundesheeres (ARWT/EWBT) durchgeführt.

 

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