Die Handgranaten im Zeughaus von Forchtenstein, der Versuch einer Bestandsaufnahme

 (Esterhazy)

Grob geschätzt dürfen über 150 Handgranaten verschiedenster Machart auf der Burg gelagert worden sein.

Handgranaten Zeughaus Forchtenstein Versuch
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Die Anzahl der Gusseisenhandgranaten dürfte zwischen 72 und maximal 100 Stück liegen. Glashandgranaten bilden den größten Teil des Bestandes. Angesichts der vorliegenden Lagerung ist nur eine sehr grobe Schätzung möglich, die Menge dürfte über 150 Stück betragen, wobei es auch eine größere Anzahl von Bruchstücken gibt, die sich als sehr wertvoll für die durchgeführten Untersuchungen herausstellten. Es gibt nur sieben Tonhandgranaten, von denen zwei erheblich beschädigt sind. Für alle diese Handgranaten gibt es keine Datierung, es ist auch nicht feststellbar, wie viele sich immer in Forchtenstein befanden oder ob zusätzliche Handgranaten im Laufe des 19. Jahrhunderts zusammen mit anderem Waffen und Gerät von der Festung Landsee umgelagert wurden. Zeughausinventare liegen nicht vor, auch Herstellungs- oder Laboriervorschriften34 wurden bisher nicht gefunden, obwohl die zahlreichen Halbfabrikate in Forchtenstein auf die Anfertigung und Fertigmontage von Geschützen, Gewehren, und Munition vor Ort hinweisen. Ein Hinweis findet sich in Lieferscheinen einer fürstlichen Waldglashütte genannt „Glashütten“ in der Herrschaft Lockenhaus, wonach im Jahre 1719 „48 Handgranaten für 3 fl 84 den und 83 Handgranaten für 8 fl 64 den“ nach der Burg Forchtenstein geliefert wurden35. Diese Glashütte stellte 1745 den Betrieb ein und wurde in eine Pulvermühle umgewandelt. Interessante Erkenntnisse lassen sich dazu erstmals36 in den Zeughausinventaren der Stadt Basel aus den Jahren 1634, 1648 und 1662 finden37.

 Geschichte Handgranate Grenadiere

Abb. 10: Bruchstück einer Forchtensteiner Glashandgranate mit deutlichem Schichtaufbau (zwei Schichten). Es handelt sich um grünes „Waldglas“. Unter dem Maßband liegt ein möglicherweise zum Exerzieren verwendetes grob geschnitztes Ersatzstück für eine Brandröhre von 9 cm Länge. (Foto: Felberbauer).

 

1634 gibt es im Basler Zeughausinventar den folgenden Eintrag:
„Handt Granaten item im kleinen Zeughaus newer Handtgranaten .................................793
item alter isener Granaten ................................................. 4“

1648 hat sich diese Position wie folgt geändert:
„Gefüllt und ohngefilte Handgranaten
Item im kleinen Zeughaus newe Hand Granaten .......................793
Item daselbsten alte Eisene Granaten ...........................................6
Item ohngefültr Hand Granaten .................................................724
Item im Tröglin lit. I.I.I. angefülte Hand Granaten .....................82
Und 36 Schläg darzu
Item im Tröglin lit. K.K.K. sind gefülte Anzünder zue den Granaten“


Im Jahr 1662 lautet die Eintragung:
„Im kleinen Zeughauss Newe Handt Granaten
Item ungefüllte newe Handt-granaten .................................261.St.
N.B. Die übrigen ermanglenden seind angefüllt und ligen im Eckhthurm
am Waasen-Bollwerckh
Item alte Handgranaten dader zwo angefüllt. ..........................6 St.
Item in einem beschlüssigen Tröglin seind angefülte anzünder zu den Handgranaten.“

Der Verfasser des Artikels, Ed. A. Gessler, schließt daraus, dass die „newen“ Handgranaten im Gegensatz zu den alten eisernen aus Glas gefertigt worden sind, dies auch deshalb „weil sich eine größere Anzahl solcher im Schweizerischen Landesmuseum findet“38. Es ist daher anzunehmen, dass Glashandgranaten wesentlich kostengünstiger und leichter zu beschaffen waren als Gusseisenhandgranaten. Wie bei den Beständen des Basler Zeughauses spricht auch die wesentlich größere Zahl gläserner Handgranaten im Vergleich mit den eisernen in Forchtenstein dafür. Es war offenbar üblich, Handgranaten ungefüllt zu lagern, eine sehr vernünftige Maßnahme, weil Schwarzpulver in geschlossenen  luftdichten Pulverfässchen über hundert Jahre lang seine Explosionsfähigkeit bewahrt, in einer Handgranate aber die Gefahr von Luft- und Feuchtigkeitszutritt durch die Brandöffnung besteht.

Im Baseler Zeughaus hält man schon 1648 eine größere Anzahl fertiger Brandröhren („angefülte anzünder“) bereit39, wohl um im Krisenfall die Granaten schneller wurffertig machen zu können. Große Vorratsstückzahlen dürften durchaus üblich gewesen sein. Das größte weltweit noch existierende Landeszeughaus in Graz hat heute keine einzige Handgranate im Bestand. Es müssen jedoch im 17. Jahrhundert beträchtliche Mengen angekauft und an die windische Militärgrenze zur Türkenabwehr abgegeben worden sein. In den dortigen Grenzfestungen wurden im Mai 1657 8 000 Stück inventarisiert. In den Folgejahren beschaffte das Landeszeughaus jährlich zwischen 400 und 3 000 Stück und sandte diese an die Militärgrenze. Die ab 1663 deutlich gestiegene Türkengefahr veranlasste die steirische Landschaft, höhere Stückzahlen für die Militärgrenze und zur Landesverteidigung bereitzustellen. Leider geht aus den Aufzeichnungen nicht hervor, ob es sich um Gusseisen-, Metall-, Glas- oder Tonhandgranaten handelte40. Die Festung Weitschawar dürfte jedenfalls mit „Sturmhäferln“, also Tonhandgranaten, versorgt worden sein. In der Festungsstadt Wien konnte das kaiserliche Zeughaus im Jahre 1683 80 000 und das bürgerliche Zeughaus 5 000 Handgranaten an die Verteidiger abgeben41. Im kaiserlichen Arsenal in Szegedin wird im Jahr 1697 ein Bestand von 20 000 Handgranaten, darunter 600 aus Bronze, inventarisiert42. Archäologische Ausgrabungen im Graben der Festung Freiburg im Breisgau förderten französische Glashandgranaten zutage, die noch mit Schwarzpulver gefüllt waren und in der Form den Handgranaten von Forchtenstein gleichen. Es scheint damit festzustehen, dass auch in Frankreich im Jahre 1740 noch Glashandgranaten in Verwendung waren43.
Wie weit der Kampfwert der Glas- oder irdener Handgranaten dem gusseiserner Granaten entsprach, ist eine noch nicht beantwortete Frage. In den folgenden Ausführungen werde ich mich daher auf die Untersuchung der Forchtensteiner Glashandgranaten konzentrieren.

Quellen

34 Laborieren – Fachausdruck der Feuerwerker für die Assemblierung schussfertiger Munition
aus Munitionsteilen, Sprengstoff, Pulver und der Zündvorrichtung.

35 Fraller: S. 135.
36 Im Basler Zeughausinventar von 1591 gibt es noch keine Handgranaten.
37 Gessler, Ed. A.: Die Basler Zeughausinventare vom Ende des 16. bis zum Ende des 17.
Jahrhunderts. ASA, Bd. 15, S. 67-69, 158, 245.
38 Das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich besitzt nach Auskunft der Kuratorin Frau
Dr. Erika Hebeisen über 50 Stück Glashandgranaten.
39 Dies wird auch in Forchtenstein der Fall gewesen sein, aber derartige Brandröhren eignen
sich hervorragend als Feueranzünder für Herd und Ofen!
40 Mitteilung von Dr. Toifl, Sammlungskurator Landeszeughaus Graz vom Juli 2011.
41 Scheiger: Wiener Zeughaus, S. 54/55.
42 Dolleczek: Artillerie, S. 272, entnommen dem Werk “Feldzüge des Prinzen Eugen von
Savoyen“ im Kriegsarchiv im Wien
43 Jenisch: Todbringendes Glas, Archäologische Nachrichten aus Baden, 2009, HNr. 78-79
S.82/83.

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