Zur Geschichte der Handgranate und der Grenadiere II

 (Esterhazy)

Im späten 17. Jhd. wurden Grenadierkompanien Standard. Die Handgranate ist eine der wenigen, möglicherweise die einzige Waffe, bei der die Einsatzgrundsätze über die Jahrhunderte hinweg gleich geblieben sind.

Geschichte Handgranate Grenadiere
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Nach der Heeresreform Ludwigs XIV. im Jahre 1670 hatte bereits jedes der 29 französischen Infanterieregimenter eine Grenadierkompanie15.
1670 werden in den Memoiren des Grafen Chavanac österreichische Grenadiere definitiv erwähnt16, die „in aufgelöster Ordnung vor der eigenen Infanterie auf Wurfweite an die gegnerischen Linien herangehen und mit ihren Handgranaten die Aufstellung des Gegners stören“ oder diese „in Gruben, Häuser, über Mauern und Palisaden“ schleudern sollten. Für jede Musketierkompanie waren auch in Österreich zuerst vier, später acht Grenadiere vorgesehen17. Im Jahre 1677 wurden Grenadiere in der englischen und 1682 in der bayrischen Armee eingeführt18. 1683 wurden Handgranaten von den Verteidigern Wiens mit großem Erfolg gegen die türkischen Belagerer verwendet und viele tausend eiserne, gläserne und irdene Handgranaten geworfen19. Das bürgerliche Zeughaus der Stadt Wien gab an die Verteidiger 2 222 eiserne und 2681 gläserne Handgranaten aus, während das kaiserliche Zeughaus „an beyden Gattungen“ über 80 000 Stück lieferte. In derselben Ausgabeliste des bürgerlichen Zeughauses finden sich auch 1000 Sturmhefen, also irdene Handgranaten, und 25 511 „Mordschläge“20.

Auch die Entsatzarmee führte mit Erfolg Handgranaten. Fleming führt dazu aus: „In Teutschland, und sonderlich in Sachsen, sind sie erst Anno 1683 aufgekommen. Bei dem glücklichen Entsatz der Keyserlichen Residentz Stadt Wien, als Ihro Churfürstliche Durchlauchtigkeit von Sachsen Johann George der III. Höchstseligen Andenkens sich ihrer zum erstenmal mit großen Nutzen und mit Verlust der Türken bediente“21. Um 1689 hatte der Stuartkönig Jakob II. die Lieferung von 12 000 mousquets (Luntenschlossmusketen), 3 000 fusils (Steinschlossgewehren) und 10 000 Handgranaten mit Pulver und Zündern aus dem verbündeten Frankreich erbeten22. 1691, in der Schlacht von Aughrim in Irland, verhinderten Jakobs zipfelmützenbedeckte Grenadiere das Überschreiten der Athlone - Brücke über den Shannon durch die Armee Wilhelms III. von Oranien23. Einer der wenigen überlieferten detaillierteren Berichte über einen erfolgreichen Kampfeinsatz von Grenadieren. 1701 wurden auch in Österreich von allen 10 Companien eines Infanterie-Regimentes die acht Grenadiere zu einer auf 100 Mann verstärkten eigenen 1. Grenadier-Compagnie, und die bis dahin noch vorhandenen Pikeniere zu einer 2. Grenadier-Compagnie zusammengezogen, welche, fallweise in eigene Bataillone vereinigt, zu besonderen Diensten verwendet wurden24. Handgranaten waren gegen feindliche Kavallerieangriffe sehr wirksam und wurden aus den zur Kavallerieabwehr gebildeten Karrees geworfen, wobei die Grenadiere die Ecken des Karrees zu besetzen hatten. Beim Sturm auf Festungen mussten die Grenadiere vor den Musketieren angreifen. 1704 stellte auch Peter der Große in Russland in jedem Infanterieregiment eine Grenadierkompanie auf. 1683 hatte man in der englischen und 1684 in der irischen Armee einen Trupp berittene Grenadiere zu den Horse Guards und eine Kompanie Grenadiere zu den Foot Guards hinzugefügt25, „a new sort of soldiers called granadeers, who were dextrous in flinging hand granados, every one having a pouch full“.

Nach den Vorbildern in England und Frankreich wurde seit 1702 bei den österreichischen Dragonern und ab 1711 bei den Kürassierregimentern eine Kompanie zu zwei Eskadronen von Grenadieren zu Pferd aufgestellt. Sie warfen die Handgranaten zuerst offenbar wie die Infanterie mit der Hand, später verschossen sie diese aus Granat-Pistolen. Die Dienstvorschrift „Regulament und Ordnung, für Gesammte Kaiserl. Königl. Cuirassier= und Dragoner=Regimenter“ aus den Jahren 1749 – 51 widmet der Einsatzweise der berittenen Grenadiere vier Seiten. 1768 wurden diese Eskadronen zu zwei selbstständigen Carabinier-Regimentern zusammengezogen.

Die zahlreichen Festungskriege im 17. Jahrhundert dürften die Verbreitung der Handgranaten sehr gefördert haben. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen sie allerdings beim Großteil der europäischen Armeen außer Gebrauch. Die Ursache dafür dürfte in der zunehmenden Verbesserung der Infanteriegewehre gelegen haben. Der Grenadier musste ja für einen wirksamen Wurf bis auf etwa 25 Meter an die gegnerische Linie herangehen. Bei der geringen Feuergeschwindigkeit, der großen Zündverzögerung und der Ungenauigkeit der Luntenmusketen hatte er auf diese Entfernung noch durchaus eine gute Überlebenschance. Bei der höheren Feuergeschwindigkeit von etwa 3 Schuss pro Minute und der auf 75 Meter gestiegenen wirksamen Einsatzschussweite der Steinschlossgewehre im offenen Gefecht war der Einsatz von Grenadieren wohl nicht mehr vertretbar. In Österreich wurde das Handgranatenwerfen in einer Feldschlacht im Jahre 1760 abgeschafft beziehungsweise „auf die letzten Phasen einer Verteidigung beschränkt“. In dieser Funktion werden Handgranaten bis 1887 verwendet26, obwohl dafür in zunehmenden Maß der neu eingeführte 9-cm-Mörser Verwendung fand. Um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jh. wurden die Handgranaten ohne wesentliche Formänderung in Mörser geladen und verschossen und bis heute liegen die wenigen eisernen Handgranaten des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien bei der Artilleriemunition. FML von Unterberger führt dazu aus27:

Die Handgranaten sind bestimmt aus Pöllern [Mörsern] in beträchtlicher Anzahl auf einmahl, hauptsächlich bey Belagerungen, wenn man den feind schon ziemlich nahe ist, sowohl in die Festungswerke, als auch aus denselben in die Trenscheen und Batterien geworfen zu werden; die Würfe werden Wachtel-Würfe genennt. Man schlichtet diese Granaten in einen Pöller auf einen zuvor hinein gegebenen starken hölzernen Hebspiegel, bestreut sie Lagenweise der sicheren Entzündung wegen mit Mehlpulver, und wirft sie auf diese Art mit einander an ihren Bestimmungsort
FML von Unterberger

Grenadiere galten in allen europäischen Ländern als Elitesoldaten. Die Namensbezeichnung Grenadiere wurde in Frankreich, Österreich und Preußen auch nach Abschaffung der Handgranaten für die Feldverwendung bei bestimmten Infanterieformationen beibehalten, um diesen Elitecharakter hervorzuheben. Das französische Infanteriebataillon der Napoleon-Ära bestand aus vier Kompanien Füsiliere, einer Kompanie Grenadiere und einer Kompanie Voltigeure. Die Grenadiere erhielten die größten und die Voltigeure die kleinsten Rekruten. Granaten warfen diese Grenadiere nicht mehr, bei den während der napoleonischen Kriege eher seltenen Belagerungen können sie aber durchaus noch Verwendung gefunden haben. Die Verteidigung und Belagerung von Festungen und Schanzen hatte bereits im 17. und 18. Jahrhundert die Form eines Grabenkrieges angenommen. Man grub sich mit Sappen und Parallelen an die Festungswälle heran, eine Kriegstechnik, die der französische Festungsingenieur Vauban perfektioniert hatte. Handgranaten waren für diese Art der Kriegführung ein sehr wirksames Kampfmittel, weil die Sappeure mit Schusswaffen nicht zu fassen waren. Der Grabenkrieg lebte an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erneut auf, dieses Mal, weil die zunehmende Feuerkraft der Infanterie die Kontrahenten in den Schutz der Erde zwang. Mit dem Schützengraben erlebte auch die Handgranate eine Renaissance, erstmals wieder in kleinerem Ausmaß im Krimkrieg (1853-1856), 1884 im Krieg im Sudan und in großem Stil im russisch-japanischen Krieg 1904-1905. Die Japaner hatten bei der Erstürmung von Port Arthur leere Konservenbüchsen und Schachteln mit Sprengstoff gefüllt und vor dem Wurf mit einer Zündschnur gezündet, aber auch Martin-Hale-Handgranaten aus England angekauft28. Die verteidigenden Russen bedienten sich der gleichen behelfsmäßigen Wurfgeschosse und zwar mit außerordentlichem Erfolg29.

Obwohl die Wirksamkeit dieser Nahkampfwaffe vom Russisch-Japanischen-Krieg her gut bekannt war, wurde sie zu Beginn des Weltkrieges 1914 von den Kombattanten ignoriert.
Wie 1904 in der Mandschurei behalf sich die Truppe 1914 zunächst mit provisorisch an der Front hergestellten Handgranaten, erst 1915 setzte eine fabriksmäßige Fertigung ein. Bis 1918 produzierte England 75 Millionen „mills bombs“ und Deutschland 300 Millionen Stück Handgranaten verschiedener Art.
Die damalige Infanterietaktik erforderte zwei Grundtypen von Handgranaten:

Angriffshandgranaten mit geringerem Splitterradius, aber ziemlich hoher Sprengladung, die der Soldat beim Vorgehen werfen konnte, ohne sich selbst dabei übermäßig zu gefährden. Die Druckwelle der Sprengladung besaß einen definierten Radius von etwa fünf Metern, es gab wenige Splitter. Druckwellen- und Splitterradius lagen unter der Wurfweite. Ein typisches Modell war die auch noch im Zweiten Weltkrieg eingesetzte deutsche Stielhandgranate (Bild 6a) mit nur 0,48 kg Masse, davon 0,165 kg Sprengstoff, die in einem Umkreis von 5 bis 6 m hauptsächlich durch den Luftdruck wirkte. Die leichten Splitter streuten 10 bis 15 m. Die Reichweite von irregulär geformten Splittern ist ballistisch nicht beherrschbar, dieser Handgranatentyp minimierte aber das Risiko. Geübte Soldaten erreichten mit der Stielhandgranate auf Grund ihrer geringen Masse und ihrer besonderen Form Wurfweiten von 60 bis 70 Meter.

 Geschichte Handgranate Grenadiere

Abb. 6: Die deutsche Stielhandgranate fand in beiden Weltkriegen Verwendung. Darunter die eiförmigen Angriffs- und Verteidigungshandgranaten der NVA (Wörterbuch zur Deutschen Militärgeschichte, Militärverlag der DDR, Berlin 1985, S. 279).

Verteidigungshandgranaten waren Granaten mit hoher Splitterdichte und größerem Splitterradius, der oft die Wurfweite übertraf. Diese Handgranate sollte daher nur aus einer Deckung, beispielsweise einem Graben, geworfen werden. Typisch dafür waren die sogenannten Eihandgranaten mit außen gekerbten Splittermantel aus Gusseisen (Abb. 6c). Die Stielhandgranate konnte durch einen aufsteckbaren Splittermantel aus Gusseisen in eine Verteidigungshandgranate umgewandelt werden. Im Zweiten Weltkrieg waren die Modelle des Ersten Weltkriegs vielfach weiter im Einsatz. Die USA erzeugten bis 1945 500 Millionen Stück. Nach seinem Ende wurde versucht, statt zweier Modelle eine Einheits-Splitterhandgranate mit einer großen Anzahl vorgefertigter Splitter mit gleicher Masse einzuführen, deren Splitterradius technisch unter die Wurfweite begrenzt werden konnte.
Die Handgranate ist eine der wenigen, möglicherweise die einzige Waffe, bei der die Einsatzgrundsätze über die Jahrhunderte hinweg gleich geblieben sind. Sie muss mit Körperkraft geworfen werden und ihr Splitterradius bestimmt ihren Einsatz als Verteidigungs- oder Angriffswaffe.

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Abb. 7a: Splitterhandgranate L2 (Großbritannien), ein Nachbau der US-Handgranate M26. Der Handgranatenkörper ist aus gekerbten quadratischem Stahldraht gewickelt und soll 1150 Splitter von 0,13 g erzeugen. (Courtney-Green, Ammunition, London 1991, S. 62.)

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Abb. 7b: Splitterhandgranate SplHGr 84 des Österreichischen Bundesheeres als Muster einer Mehrzweckhandgranate mit 4880 vorgeformten Splittern [Teil 7] und 95 g hochexplosivem Sprengstoff (Nitropenta) [Teil 8]. Masse 0,54 kg, Verzögerungssatz mit 3,5 bis 5 s Verzögerungszeit [Teil 5]. Zündung durch einen Schläger [Teil 3] auf ein Zündhütchen [Teil 4] über den Verzögerungssatz und einer Sprengkapsel [Teil 6]. Splitterwirkung bis zu maximal 20 m, Wurfweite 30 Meter.

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Abb. 7c: Deutsche Handgranate DM 51, bestehend aus einem mit Sprengstoff gefüllten Plastikkörper, der für sich alleine als Offensivhandgranate [Teil 1] und mit dem darüber schiebbaren Splitterkörper [Teil 2] als  Defensivgranate einsetzbar ist. Der Splitterkörper [Schnitt Teil 3] enthält 6500 Stahlkugeln von 2 mm Durchmesser und 0,035 g Masse. (Courtney-Green, Ammunition, London 1991, S. 63.)

Gläserne Handgranaten finden sich zu Beginn des ersten Weltkrieges in Frankreich (Abb. 8). Sie waren mit dem chemischen Kampfstoff Bromessigester gefüllt. Bromessigester (Bromessigsäureäthylester) ist eine über riechende Flüssigkeit, die bereits in starker Verdünnung die Schleimhäute angreift. Nach Fritz Haber30 führte diese erste Anwendung von völkerrechts-widrigem Giftgas auf französischer Seite zur beschleunigten Entwicklung von Gaskampfstoffen in Deutschland und zum ersten Gasangriff im größeren Stil am 22. April 1916 bei Ypern.

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Abb. 8: Gläserne französische Handgranate für die Pioniertruppe (ca. 1914) mit einer Füllung aus chemischem Kampfstoff. Hanslian: Gaskrieg!, Berlin 1934, S. 115.

Zu Ende des Zweiten Weltkrieges sind in Deutschland Versuche unternommen worden, Eihandgranaten aus Glas herzustellen, eine Maßnahme, die durch den extremen Metallmangel zu Kriegsende (Abb. 9) erklärbar ist. Möglicherweise hat die Neigung zur Splitterbildung bei Glas dazu geführt, diese Sparmaßnahme zunächst an der Verteidigungshandgranate zu erproben. Der Glaskörper war entweder waffelartig gerippt oder gekerbt. Beide Varianten haben wohl die Griffsicherheit verbessert, ein Einfluss auf die Splitterbildung ist aber wie bei den Gusseisenhandgranaten auszuschließen.

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Abb. 9: Eihandgranate aus Glas mit dem Brennzünder der
Eihandgranate 39, eine aus Metallmangel entstandene Notlösung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Die äußere Profilierung trägt wie bei ähnlichen Gusseisen - Handgranaten nicht zur Splitterbildung bei, sondern verbessert nur die Griffigkeit. Es sollen jedoch
zusätzlich Metallsplitter in den Sprengstoff gemischt worden sein. Die Masse war mit 325 g, davon 123 g des Bergbausprengstoffes Donarit, relativ gering. (Foto zur Verfügung gestellt von Alois Wudy, Zwiesel).

Quellen

15 Thierbach: Handfeuerwaffen, S. 89f.
16 Dolleczek: Monographie, S. 16.
17 Dolleczek: Artillerie, S. 185.
18 Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte, Berlin 1985, S. 258.
19 Dolleczek: Artillerie, S. 271.
20 Scheiger: S. 54/55.
21 Fleming: S. 146.
22 Hayes-McCoy: Irish Battles, Belfast 1989; S. 221.
23 Die Szene ist im National Museum of Irland, Dublin, in Lebensgröße ausgestellt.
24 Dolleczek: Monographie, S. 16.
25 Hayes-McCoy: Irish Battles, Belfast 1989, S. 216; 218-219.
26 Unterberger: Österreichische Artillerie, S. 38.
27 Unterberger: Österreichische Artillerie, S. 38.
28 Reid: The Lore of Arms, London 1984, S. 98.
29 Reventlov, E. zu: Der Russisch-Japanische Krieg, Wien 1906, S. 370-371.
30 Haber, Fritz: Fünf Vorträge aus den Jahren 1920-1923, Die Chemie im Kriege; Berlin 1924.

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