Zur Geschichte der Handgranate und der Grenadiere

 (Esterhazy)

Von den ersten arabischen Überlieferungen aus dem 13. Jhdt über das europäische Mittelalter bis zur Anleitung in "Der vollkommene Teutschen Soldat" 1726 war die Granate Namensgeber für den Grenadier.

Geschichte Handgranate Grenadiere
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Bereits im 14. Jahrhundert waren schwarzpulvergefüllte und mit einer Zündschnur versehene Explosivkörper in Verwendung. Sie wurden meist als „Bomben“ bezeichnet, die kleineren, mit der Hand zu werfenden nannte man später Handgranaten2. Letztere werden erstmals von Konrad Kyeser in seinem Kriegstechnikbuch „Bellifortis“ (1402-1405)3 beschrieben.

 Geschichte Handgranate Grenadiere

Abb. 3: Glashandgranate aus Schaumburg-Lippe 1740. Ihre Daten (Durchmesser 9 cm, Masse 0,7 kg, Wandstärke im Mittel 1 cm, Zünderöffnung 2,5 cm) entsprechen jenen der Glashandgranaten von Forchtenstein. Die Herstellung ist primitiver – kein angeformter gläserner Hals, sondern ein eingeklebtes gedrechseltes hölzernes Zwischenstück zur Aufnahme der Brandröhre. Die Brandröhre ist für Holz zu dünn, müsste daher aus Metall sein. Ihr oberes offenbar abgebrochenes Ende sollte auch nicht über das Zwischenstück hinaus ragen. (Skizze nach Brachlow, Günther: Deutsches Waffen-Journal, Jahrgang 4 (1968) Heft 4, S. 284; graphische Zufügungen: Felberbauer).

Es handelte sich um Hohlkugeln aus Gusseisen, Glas, gebranntem oder auch ungebranntem Ton oder „Metall“ (Bronze, Messing, Blei), die mit Schwarzpulver gefüllt und anfangs wohl nur mit einer Lunte, später mit einer hölzernen Brandröhre („Brandel“) versehen waren. Die Brandröhre war längs durchbohrt und die Bohrung mit einer speziellen „langsamen“ Brandmischung gefüllt, die der Werfer mit seiner Lunte entzünden musste. Die Granate detonierte nach dem Abbrennen des Brandsatzes, und diese Verzögerung gab dem Werfer die nötige Zeit, um den Wurf mit möglichst geringer eigener Gefährdung vorzunehmen. Es kann angenommen werden, dass der älteste, am längsten verwendete und am leichtesten verfügbare Granatenwerkstoff Ton war. Russische Archäologen wiesen darauf hin, dass die Trümmer alter turkestanischer Festungen enorme Mengen an Bruchstücken von „sphärischkonischen Gefäßen“ aufzuweisen haben. In Festungen an der Mündung des Amur-Darja- Flusses wurden allerdings auch Fragmente von Handgranaten aus grünlichem Glas in großer Zahl gefunden, die sich ins 13./14. Jahrhundert datieren lassen. Es wird angenommen, dass diese Wurfkörper sowohl mit Brandsätzen („Griechischem Feuer“) als auch mit Pulvermischungen gefüllt und möglicherweise bereits im Byzantinischen Reich verwendet wurden4.

Aus arabischen Quellen kann abgeleitet werden, dass schon im 13. Jh. die Verteidiger der Stadt Buchara solche Handgranaten gegen die belagernden Tataren schleuderten5.


In verschiedenen Weltgegenden gab es also Granaten werfende Soldaten offenbar bereits im späten Mittelalter. In Europa entstand die somit schon längst vorhandene Waffengattung der Grenadiere (franz. Granatiers, in den „Regulamenten“ der Kaiserin Maria Theresia Grenadiers genannt) formell um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Frankreich.

In Flemings „Der vollkommene Teutsche Soldat“ findet sich darüber die folgende Passage6:

„In Franckreich steckte man 1667 erst 4. [Grenadiere] unter eine Compagnie, 1670 aber nahm der König [gemeint ist König Ludwig XIV.] alle Grenadiers von den Regimentern und machte eine besondere Compagnie. Vor einem Mousquetner hat er darinnen den Vorzug, dass man ihn wo es gefährlich zugeht gebrauchet. Man erwählt hierzu ansehnliche, starcke, dauerhafte, ramassierte Leute, und sucht gemeiniglich aus jeder Compagnie 8. biß 10. Mann aus, nachdem die Compagnie starck ist. An Stat des Hutes tragen sie eine grosse Grenadirer-Mütze, und in der grossen Patron-Tasche führen sie drey eiserne, gefüllte, mit Blasen verbundene Granaten7. Bei dem exercieren werden nur höltzerne oder gepapte gebraucht. Die eisernen aber inder scharfen Action vor dem Feinde, und inzwischen bey dem Stabe aufgehoben. Vorne auf dem Riemen an der Brust ist ein blecherner Luntenberger befestiget, um die glimmende Lunte vor Nebel, Regen und Feuchtigkeit wohl zu verwahren“.


In „des dritten Theiles achtzehendes Capitel“ führt Fleming unter der Überschrift „Von den Handgriffen
der Grenadierer, deren Commando-Worten und Bewegungen“8 aus:
„Unter den Bewegungen derer Grenadiers und Mousquetiers ist, soweit Flinte und Bajonette betrifft, kein
Unterschied; die Hand-Griffe mit der Granade aber habe ihre besonderen Motiones und sind folgende:
„Fasset den Riemen, werffet das Gewehr auf den Rücken; fasset die Lunte; blaset die Lunte ab, fasset die Granate, öffnet sie mit den Zähnen; bedeckt sie mit dem Daumen;
blaset die Lunte ab; zündet und werffet; bringet die Lunte an ihren Ort; fasset den Riemen; das Gewehr hoch.“

In der Folge werden in Flemings „Der vollkommene Teutsche Soldat“ die Kommandos im Detail
beschrieben. Sie werden meist in zwei oder drei Bewegungen ausgeführt:

 Geschichte Handgranate Grenadiere

Abb. 4: Exerzieren mit Handgranaten. Die Kommandos werden wie bei den „Regulamenten“ von Maria Theresia
in jeweils drei Bewegungen („Motiones“) ausgeführt. Die zweite Bewegung bei „Ergreift die Granate“ zeigt das
Aufbeißen der Schweinsblase, die die Brandröhre abdeckt. (Fleming, Der vollkommene Teutsche Soldat. Leipzig
1726, (Nachdruck Graz 1967).

 

 „In der ersten wird die Granate mit der rechten Hand vor den Leib, und an den Mund geführet, mit den Zähnen geöffnet, und die Brand-Röhre mit dem Daumen bedeckt; in der anderen wieder in voriger Linie ausgestreckt. Das Commando - blaset die Lunte ab - muss in einer Bewegung vollzogen werden; die Lunte wird an den Mund geführt, abgeblasen, und mit ausgestrecktem Arm vor sich gebracht. Das Commando; zündet und werffet wird ein dreyen Bewegungen gemacht. In der ersten wird der rechte Arm mit der Granate samt dem Leibe hinterwärts zurück gesencket, selbige zugleich mit der linken Hand angezündet und so lange bis sie brennt gehalten. In der anderen die brennende Granate mit dem rechten Arm gerade vor sich ausgebracht, und mit den Füssen unverrückt gestanden. Inder dritten mit der lincken Hand an dem Gewehr gefasst, die rechte mit der Granate hurtig zurück gebracht, eine gute Forze gefasst und vor
sich ausgeworfen, im werffen mit beyden Füssen fest gestanden.“

Die Handgranate war in England im Bürgerkrieg (1642-1646) in ausgedehntem Gebrauch9,
ohne dass die werfenden Soldaten speziell bezeichnet wurden. Die Grenadiere waren also anfangs eine Spezialform der Infanterie. Es handelte sich grundsätzlich
um Freiwillige und immer um ausgesucht große und kräftige Soldaten. Sie mussten die damaligen etwa 0,4 bis 1,4 kg schweren Granaten mindestens 25 bis 35 Schritt (ca. 18 bis 22 Meter) weit werfen können, um nicht sich und ihre Kameraden zu gefährden. Dies deutet darauf hin, dass die übliche Splitterwirkung unterhalb dieser Entfernung lag. Es muss aber häufig zu Unfällen gekommen sein, unter anderem auch dadurch, dass der Grenadier vor dem Werfen der gezündeten Granate selbst getroffen wurde. Zu beachten ist, dass Fleming 1726 die Ausrüstung der Grenadiere mit einer Flinte, also einem Gewehr mit Feuersteinschloss, als geradezu selbstverständlich darstellt. Dies entsprach nämlich keineswegs der Normalität, weil die Masse der Infanterie zu dieser Zeit noch mit den einfacheren und billigeren Luntenschlossmusketen ausgerüstet war. Da aber Grenadiere ohnehin auf eine brennende Lunte im Luntenberger zu achten hatte, wollte man sie nicht mit einer zweiten Luntenwaffe belasten, deren viel längere und im Einsatz an beiden Enden brennende Lunte dauernd beobachtet werden musste. Nach der 1679 zu Augsburg erschienen „Kriegs-Disziplin“ des Majors Sebastian Gruber wurden die Grenadiere in der Handhabung der Bajonettflinte gedrillt10 und wurden als erste mit dieser von der Zündung her problemloseren Waffe ausgerüstet. In einigen Ländern in Form des leichteren Kavallerie-Karabiners, der an einem Riemen auf den Rücken gehängt werden konnte.

Dolleczek berichtet ebenfalls von der Ausrüstung der österreichischen Grenadiere mit einem „leichten Gewehr“11, dem Kavalleriekarabiner mit 17 mm Kaliber. Die Muskete der Infanterie hatte ein Kaliber von 18,3 mm12. In Österreich waren seit 1761 7,8-cm-Granat-Pistolen für die Kavallerie eingeführt und es sind ab 1769 auch Granat-Gewehre nachweisbar. Granat-Pistolen und Granat-Gewehre boten den Vorteil, Handgranaten zuverlässig auf eine von der Armkraft des Grenadiers unabhängige weitere Entfernung verschießen zu können. Die häufiger angewandte Wurfart war aber jene mit der Hand, sie ist auch im „Regulament“ Maria Theresias genau beschrieben. Ein größerer Soldat konnte bei der genau vorgeschriebenen Wurfbewegung einige Schritte weiter werfen, daher fiel die Wahl auf große und bereits bewährte Soldaten.

Luntenberger und Granatentasche sind auf der Darstellung der aus Grenadieren bestehen fürstlich Esterházyschen Leibgarde (Abb. 5a) zu sehen. Ihre Tasche war rot und die Klappe mit der brennenden Handgranate verziert. Ein Abzeichen, das auch nach dem Abkommen der Handgranaten gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Eliteverbänden bis ins 21. Jahrhundert (z.B. Österreichische Gendarmerie bis 2008, Italienische Carabinieri noch heute) geführt wurde. Man findet in der Literatur häufig die Aussage, dass der damals bei der Infanterie übliche breitkrempige Filzhut beim Werfen störte. Die verfügbaren Bilder werfender Grenadiere zeigen jedoch, dass der Wurf seitlich ausholend erfolgte un der Wurfarm daher nie in Kopfnähe kam.

 Geschichte Handgranate Grenadiere

Abb. 5a: Grenadiere der fürstlichen Esterházy Leibgarde mit roten Granatentaschen. Die Zipfelmütze ist weiterhin
Bestandteil der Grenadiermütze aus dem Fell weiblicher Bären. (Ungarisches Nationalarchiv, Budapest – Familienarchiv Esterházy).

Die Handgranaten werfenden Verteidiger auf den Kupferstichen des zeitgenössischen Holländers Romeyn de Hooghe13 auf den Wällen Wiens 1683 tragen durchwegs breitkrempige Hüte und keine Gewehre. Bei den damit ausgerüsteten Grenadieren der Infanterieregimenter musste aber das Gewehr vor jedem Wurf auf den Rücken geworfen und nachher wieder nach vorne gebracht werden. Ein breitkrempiger Hut störte daher nicht den Wurf an sich, sondern behinderte das Überwerfen und „nach vorne Bringen“ des Gewehres. Die Grenadiere setzten daher anfangs die sonst nur im Feldlager übliche Zipfelmütze auf. Sie wurde in Preußen und einigen nördlichen Staaten zu einer Grenadiermütze aus Tuch, welche an der Stirnseite mit einem mit dem (Herrscher-) Emblem verzierten metallenen Schild versehen war. In Österreich, England und Frankreich wurde eine hohe Bärenfellmütze üblich14, die mit einer Quaste versehene Zipfelmütze blieb als Dekoration erhalten.

 Geschichte Handgranate Grenadiere

Abb. 5b: Ungarischer Grenadier des Regiments Josef
Esterházy Nr. 37, 1762 – 1767; der Luntenberger
befindet sich vor der Brust am Riemen der  Granatentasche und wurde von den Grenadieren nach der Abschaffung der Handgranaten noch lange als  Unterscheidungszeichen beibehalten. (Ungarisches Nationalarchiv, Budapest – Familienarchiv Esterházy).

Quellen

2Die Bezeichnung „Granate“ wird gemäß Dolleczek im Jahre 1596 erstmals von dem Salzburger Büchsenmeister Hälle gebraucht. Dolleczek, Artillerie, S. 184, erklärt die Namensgebung mit den nach Größe und Form ähnlichen Granatäpfeln.

3Kyeser, Konrad: Bellifortis, Eichstätt S. 1402-5. Universitätsbibliothek Göttingen Cod. Ms, philos 63.

4 Im Nationalmuseum in Athen ausgestellte keramische Handgranaten werden ins 10.-12.
Jahrhundert datiert.
5 Arendt, W.: Die sphärisch-konischen Gefäße aus gebranntem Ton, Zeitschrift für historische
Waffen- und Kostümkunde, Neue Folge, Bd. III (1929-1931) Heft 9, S. 206.

6 Fleming, Hanns Friedrich: Der vollkommene Teutsche Soldat, Anderer Theil fünffzehendes
Capitel, Leipzig 1726, S. 145. und auch zitiert im Universal Lexikons von Zedler,
Johann Heinrich: Halle und Leipzig 1735, Band 11, GM bis GZ.

7 Der Granatenhals war mit einer Schweinsblase verschlossen, die mit den Zähnen aufgerissen
werden musste, um die Brandröhre freizulegen.
8 Fleming: S. 244.
9 Rogers: Weapons of the British Soldiers, 1972, S. 80.
10 Beaufort-Spontin: Harnisch und Waffe, S. 141.
11 Dolleczek: Monographie, 1895, S. 15.
12 Es fällt auf, dass in den „Regulamenten“ Maria Theresias zwischen berittenen Grenadiers und Carabiniers nicht unterschieden wird. Es handelt sich offenbar um gleichwertige Bezeichnungen für Granaten werfende Reiter. Die später aufgestellten und nur aus berittenen
Grenadieren bestehenden Regimenter werden Carabinier-Regimenter genannt. Auch bei der Infanterie kann auch der Karabiner zur Namensgebung herangezogen werden.
Die als Carabinieri bezeichneten Formationen der italienischen Gendarmerie tragen bis heute eine flammende Granate als Abzeichen. Eines ihrer Regimenter heißt bezeichnenderweise „Granatieri di Sardegna“.
13 Romeyn de Hooghe (1645-1708), Maler und Kupferstecher, gab eine Serie von Kupferstichen
über die Türkenbelagerung Wiens 1683 heraus.
14 Ortenburg, Georg: Die Waffen der Kabinettskriege, Augsburg 2005.

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